Kino.to ist tot –die alternative Film-Distribution lebt

Die Schließung von Kino.to durch Organe der sächsischen Staatsgewalt ist eine Zäsur. Sie verändert die Art, wie deutsche Nutzer, vor allem die jüngeren, Kultur im Netz erleben. Einige Anmerkungen und provokante Thesen zu einer der wichtigsten deutschen Medienmarken und einer umstrittenen Kultur-Institution.

Die 3 Säulen der grauen Film-Distribution im Netz

Es gibt drei populäre Alternativen, außerhalb des offiziellen Bezahl-Marktes im Netz an Filme zu kommen. Ich fasse sie als Alternative Infrastrukturen zur Distribution im Netz (AIDN) zusammen.

(1) Filesharing: Eine komplizierte Architektur verbindet alle beteiligten Nutzer und Rechner zu einem dezentralen Netzwerk. Viele Einzelpakete, die zusammengesetzt einen Film ergeben, werden über verschiedene Knotenpunkte des Netzes an den Zielrechner geliefert. Ein wichtiges Merkmal ist, dass, ganz in Web2.0-Manier, jeder Downloader automatisch zum Uploader wird. (2) One-Click-Hosting: Seiten, etwa das viel genutzte Serien-Portal Serienjunkies, verlinken auf One-Click-Hoster wie die Schweizer Rapidshare, die die Inhalte zum vollständigen Download anbieten. Diese Hoster erlauben oft nur eingeschränkte kostenlose Downloads pro Tag, so dass einige Nutzer dort einen Premium-Account haben.
(3) Streaming: Ein Portal wie Kino.to listet auch nur Links auf, Zielseiten sind aber in dem Fall Streaming-Portale. Auch diese haben ein Freemium-Modell, bei dem die kostenlose Nutzung zwar möglich ist, eine Premium-Mitgliedschaft aber ein komfortableres Streaming erlaubt.

Da beim Filesharing standardmäßig jeder einfache Nutzer selbst zum Anbieter und Verbreiter der Inhalte wird, ist diese Variante juristisch am gefährlichsten. Deswegen hat es eine Verschiebung der Nutzung in Richtung One-Click-Hosting gegeben.

Die Bedeutung von Kino.to

Die Betreiber von Kino.to haben 4 Mio. tägliche Nutzer angegeben. Die Staatsanwaltschaft Dresden hat sich dieser Zahl angeschlossen. Ein Wirtschaftswoche-Redakteur berichtete im Februar 2010 von „Schätzungen“ zwischen 200.000 und 400.000 täglichen Nutzern (nur leider bleibt er die Nennung der Quelle schuldig). Google Trends hatte zu diesem Zeitpunkt etwa 1,2 Mio. ermittelt und für Juni 2011 etwa 400.000 Nutzer.

Kolja Langnese, der gerade an einer Magisterarbeit über Web-TV schreibt, hat in seinem Blog All things considered die offiziellen Zahlen von Betreiber- und Behördenseite mit Marktforschungsdaten zum Online-Video-Konsum verglichen. Dabei hat er Kino.to als eigenes Medienangebot interpretiert, da es zwar nicht selbst gehostet, den Konsum der Videos aber initiiert hat.

„Geht man davon aus, dass vier Millionen tägliche Nutzer vorsichtig geschätzt täglich mindestens vier Mio. Videos auf Kino.to schauen, kann man von monatlich mindestens 120 Mio. über Kino.to generierten Video-Abrufen ausgehen.“

Nach dieser Rechnung lag Kino.to zwar weit hinter dem Platzhirsch Youtube, ansonsten aber vor allen kommerziellen Streaming-Angeboten.

Abbildung: Kino.to vs. offizielle dt. Online-Video-Portale (Quelle: All things considered, Ausschnitt)

Lob und Tadel von Kino.to

Good Face

Kino.to hat in der jüngeren Generation vermutlich mehr für die Verbreitung von Kultur getan, als es ARD, ZDF, Arte etc. auch nur annähernd vermocht haben, egal ob es sich um so genannte Hochkultur oder Pop-kulturelle Angebote wie die Simpsons handelte. Mit dem riesigen Pool an mehreren tausenden Serien, Kino-Filmen und Dokumentationen konnte man das Angebot geradezu als kulturelle Vollversorgung der jüngeren Generation bezeichnen.

Im Gegensatz zu Filesharing und One-Click-Hosting mit den jeweiligen technologischen bzw. finanziellen Hürden und den juristischen Risiken, war die Schwelle bei Kino.to am niedrigsten. Die Segnungen durch die Befreiung von Inhalten wurden dem Nutzer-Mainstream also am ehesten durch Streaming-Anbieter nahe gebracht, vor allem durch die Nummer 1 Kino.to.

Durch die kostenlose Verbreitung von Filmen und Serien im Netz, schaffen die AIDNs gesellschaftlichen Mehrwert. Sie schöpfen ihn in gewisser Weise aus dem Nichts, da nur ein Bruchteil der kostenlos Streams und Downloads einen Kauf substituiert. Kino.to hat Filme und Serien auch denen zugänglich gemacht, die nicht bereit oder nicht in der Lage waren, dafür zu zahlen. In der Regel hätten die Nutzer für den jeweiligen Film oder die Serie auch dann kein Geld ausgegeben, wenn sie ihn nicht kostenlos im Netz gefunden hätten. Sie hätten dieses Kulturprodukt schlicht nicht konsumieren können.

Bad Face

Die Seite, die durch die Befreiung von Inhalten vielen Menschen den Zugang zu Kultur erleichtert hat, hatte auf der anderen Seite ein sehr fragwürdiges Erlösmodell: Pornowerbung und falsche Fehler- und Virusmeldungen, die auf Abzockerseiten verlinkten.

Vor allem die Kooperation mit Anbietern von Netz-Pornographie wirkt verstörend, wenn man die Leistungen von Kino.to aus einer linken Perspektive heraus betrachtet (und begrüßt). Mit dieser politischen Grundeinstellung geht einher, dass man gleichzeitig die warenförmige Produktion und Anpreisung von Pornographie tendenziell für frauenfeindlich und ausbeuterisch hält. Da kommt es einem befremdlich vor, dass diesen Anbietern über Kino.to zahlende Nutzer zugeführt wurden. Das Dilemma findet sich auch bei anderen Portalen. Auf Serienjunkies etwa offeriert ein Pop-Up „Frauen für jeden Geschmack“. Das stellt für mich das eigentliche moralische Dilemma solcher Dienste dar.

Die Diskussion um einen schädlichen Einfluss auf die Kulturproduktion

Als gängigstes Argument contra AIDNs wird angeführt, dass es bald keine Inhalte mehr geben wird, die man befreien könnte – weil nicht mehr produziert werden kann, was nur noch kostenlos konsumiert wird. Diese Vermutung wirkt auf den ersten Blick intuitiv und schlüssig. Sie wird sowohl von Anti-Piraterie-Lobbygruppen kultiviert, als auch durchaus von normalen Internet-Nutzern mit Stirnrunzeln vorgetragen (auch wenn diese dann doch die einschlägigen Dienste nutzen).

Im September 2009 waren zwei Wirtschafts-Professoren dem Kern dieser These nachgegangen und haben in einer Meta-Studie der Harvard Business School alle Zahlen und Erkenntnisse zum Einfluss von Filesharing auf die Produktion von Kultur untersucht („File-Sharing and Copyright“, hier zusammengefasst). Sie kommen zu einem Ergebnis, das klingt, als wäre es einem Think Tank der Piratenpartei entsprungen:

„Looking at aggregate output – the number of recordings, books, and movies produced every year – we see no evidence that file sharing has discouraged the production of artistic works.“

Wenn die Produktion kultureller Inhalte tatsächlich durch Streaming, Filesharing & Co. gefährdet würde, müsste das uns alle angehen. Wenn nicht handelt es sich schlicht um die partikularen Probleme etablierter Branchen-Vertreter, die durch eine neue Technologie ihre Verdienstmöglichkeiten bedroht sehen – während sie bei vorherigen technologischen Neuerungen profitiert hatten (die Einführung der CD, der DVD, der BlueRay). Sie haben eben zufällig gerade Pech gehabt.

Komplementäre Produkte als Ausweg

Die unbezahlte Verbreitung von Inhalten im Netz kann sich laut der genannten Studie sogar positiv auf die Erlöse auswirken, wenn die Kulturschaffenden bzw. die Produzenten geschickt genug sind, komplementäre Produkte anzubieten. Jedes kostenlos herunter geladene Lady-Gaga-Album erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Downloader irgendwann eines ihrer Konzerte besucht. Die Verluste durch gesunkene Verkäufe lassen sich durch steigende Konzert-Einnahmen kompensieren.

Ein analoges komplementäres Produkt für die Film- und Fernseh-Industrie sind hochwertig aufbereitete DVDs. So hatte mir ein Freund erzählt, dass er erst alle Futurama-Staffeln als kostenlose Piraten-Kopien hatte und sie sich dann paradoxerweise doch als DVDs gekauft hat, als er das Geld dazu hatte.

„Also im Endeffekt hab ich Futurama erst über die gebrannten DVDs richtig zu schätzen gelernt.“

Die wohl aussichtsreichste komplementäre Erlösmöglichkeit im Filmbereich wird allerdings nicht annähend ausgeschöpft, sondern überwiegend verschlafen: der verstärkte Einsatz von Product Placement. So sehr das Einbauen von Produktwerbung in Filme nervt, würde es doch eine Möglichkeit bieten, die Industrie mit den Piratennutzern zu versöhnen. Wenn der zu erwartende illegale Konsum eines Films in die Reichweitenplanung einbezogen würde, ließe sich jeder
unbezahlt gestreamte oder herunter geladene Film in die Wertschöpfungskette der Filmproduktion integrieren.

Zurück zu Kino.to

Die Lücke, die die Aktion der sächsischen Staatsanwaltschaft hinterlassen hat, wird vermutlich sehr schnell von ähnlichen Seiten geschlossen werden. Movie2k etwa wird als heißer Kandidat für die Nachfolgeschaft diskutiert. Das ist jedoch nicht zwangsläufig.

Bei diesem Anbieter-Typus lässt oft die Auflösung zu wünschen übrig, die Übertragung stockt und man wird von aufdringlicher Werbung belästigt. Die Film- und Fernseh-Industrie hat im Moment eine einmalige Chance, die Lücke mit einem überzeugenden kommerziellen Angebot zu füllen. Dafür müsste sie schnell eine stimmige Infrastruktur schaffen, und zwar am besten eine Anbieter-übergreifende Plattform mit guter Usability und einem stimmigen Preismodell.

Dass der im Netz behäbig agierenden Branche das gelingt, ist allerdings zu bezweifeln. Und so gilt vermutlich: Goodbye Kino.to, hello Movie2k.

Links: die Kino.to-Betreiber im Gulli.com-Interview (2009)/ Gespräch mit einem Uploader auf Netzfeuilleton

Der Artikel erschien zuerst auf dem Netzpiloten-Blog.

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