Medienökonomische Schnipsel II: “Der Turm” und die real-sozialistische Bücherheuschrecke

Bücher sind wertlose Massenware? Das war einmal anders. Zu Zeiten des real-existierenden Sozialismus, als die Bücher-Not weniger ökonomischer als vielmehr politisch-ideologischer Natur war, waren Bücher Schätze – vor allem solche, die nicht zu bekommen waren. Doch ein Ereignis im Jahr versprach Abhilfe: die Leipziger Buchmesse.

Wie aus DDR-Bildungsbürgern gierige, emsige Bücher-Heuschrecken wurden, beschreibt „Der Turm“ von Uwe Tellkamp. Dieser 960-Seiten-Wälzer aus dem Hause Suhrkamp hat vor zwei Jahren den Deutschen Buchpreis erhalten und wurde vom westbundesdeutschen Feuilleton euphorisch aufgenommen. Doch leider ist das Buch überwiegend langatmig und langweilig, größtenteils öde und unlesbar.

Augen zu und durch?

Ich wollte es lesen. Verlangt hat das meine Bildungsbürger-Seele, da es nun mal von den großen Feuilletons als eminent wichtiges Buch bezeichnet wurde, und verlang hat es meine Ost-Identität, die diesen Meilenstein der literarischen DDR-Geschichtsschreibung kennen wollte. Doch ich habe vergeblich auf den Moment gewartet, ab dem ich im Buch „drinne“ bin, ab dem ich es nicht mehr aus der Hand legen will. Ich musste mich durchkämpfen. Aus dem „Ich will es lesen“ wurde als Kompromiss ein „Ich will es gelesen haben“.

Trotzdem habe ich es  nur bis Seite 413 durchgehalten. Wieso? Das Buch ist zäh, doch muss man sich durch manche Literatur nicht einfach durchkämpfen, wenn nötig mit Gewalt? Auch die 1.400 Seiten von Jonathan Littel’s „Die Wohlgesinnten“ habe ich geschafft, und das Buch war teilweise eine Tortur. In „Der Turm“ kommt aber hinzu, dass mir Werk und Autor mit der Zeit unsympathisch wurden.

Das Buch diffamiert zu Recht den DDR-Staat, diese korrumpierte. traurige Diktatur, doch es negiert auch die DDR-Gesellschaft, es streitet ihre Existenz ab.

Portraitiert werden die Bewohner des Dresdner Villen-Stadtviertels „Weißer Hirsch“, einer bürgerlichen Enklave in Dresden. Wer hier wohnt ist Arzt, Lektor oder Schauspieler und vermisst vor allem eines: die Privilegen, die er in Westdeutschland als Angehöriger einer Elite hätte. Die Figuren stört weniger die Abwesenheit von Menschenrechten in der DDR, als die Tatsache, dass man sie einfach nicht Elite sein lässt. Kurzum: die Figuren sind unsympathisch, und sehr bald wird es auch der Autor Tellkamp, der keinerlei kritische Distanz zu ihnen erkennen lässt.

Locusta bibliophila

Mitunter hat das Buch allerdings auch lichte Momente, etwa als geschildert wird, wie sich die Figuren vor und während der Leipziger Buchmesse verhalten. Sie sind Vertreter einer Art, einer spezifischen Gattung, die es so nur in der DDR gab (wobei zu vermuten ist, dass sie auch in anderen Regimen vorkommt, in denen Bücher in großem Maßstab verboten werden):

Die Afrikanische Wüstenheuschrecke hat eine ostdeutsche Verwandte, die Bücherheuschrecke (Locusta bibliophila), eine species auf zwei Beinen, gekleidet in „Wisent“- oder „Boxer“-Jeans, selbstgestrickte Rollkragenpullover und olivgrüne oder erdbraune „Kutten“ (Parkas), deren Säume bis über die Waden reichen …. Die Locusta blibliophila ernährt sich von Büchern, allerdings nur von solchen aus dem Nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet.

Die Transformation zur Bücherheuschrecke ist langwierig und aufwändig:

Auf die Leipziger Buchmesse bereitete man sich wochenlang vor. Man fuhr nicht hin, um ein paar Bücher in die Hand zu nehmen, auf- und wieder zuzuklappen; man fuhr hin, um durch ein Fenster ins Gelobte Land zu sehen.

Die Rüstung der Bücherheuschrecke (besagter „Messe-Mantel“, Typ Parka) wird etwa zwei Wochen vor der Schlacht einer gründlichen Überprüfung unterzogen; rechte Innenseite: in zwei Reihen nebeneinander je fünf Taschen, von Überbrust- bis in etwa Kniehöhe eingenäht (teilweise überlappend), Format 21 x 14cm, die Leichtgängigkeit wird mittels des in der Pelzschneiderei „Harmonie“ befindlichen Exemplars Heinrich Böll, „Wanderer, kommst du nach Spa …“ kontrolliert, welches
„widerstandslos“
„sauber bedeckt“
„wölbungsarm“
in der Tasche Platz finden muß.

Und dann geht es los:

Der Angriff der Bücherheuschrecke vollzieht sich in Wellen, sein unmittelbar bevorstehender Beginn wird dem scharfen Beobachter dadurch kenntlich, daß sich die ohnehin immer gierig blickenden Augen zu Hungerschlitzen verengen. Der Hunger gilt vorrangig den Farben. Hauptsache: bunt. Je bunter die Beute, desto besser. Und je mehr davon, auch: desto besser. Am versessensten ist die Bücherheuschrecke auf rote Umschläge. Der Verdacht besagt: Das hat etwas mit uns zu tun. Hat der Hungerschlitz einen Dissidenten-Namen registriert, muß sofort gehandelt werden. Der wachhabende Lektor ist von Buchheuschrecke B in ein strategisches Gespräch zu verwickeln, während Buchheuschrecke A mit trommelndem Herzen, in Schweißausbrüchen und erblindet vor Courage blitzschnell ans Regal tappt (der Griff muß weich abfedernd über dem Umschlag der Beute zum Stillstand kommen, das ist die alles entscheidende Pause, die Sekunde glücklicher Furcht: ICH HAB’S! Zwischen meinen Fingern ist es, der Umschlag ist glatt und aus dem Westen), jetzt:
Knöpfe am Messe-Mantel lösen
elegant nach oben schauen, trockne Lippen mit der Zunge netzen
Hustenanfall vortäuschen
bücken
rot werden nicht vergessen
Husten verstärken
Messe-Mantel auf
Augen zu und–
weg
weg
weg

Fazit

Für die lichten Momente gibt es eine 2plus, für den reaktionären Rest nur eine 3minus.

Kontrastprogramm: Meiner Wahrnehmung steht gegenüber, dass der Roman auch von der deutschen Blogosphäre kritisch wohlwollend bis euphorisch aufgenommen wurde:

Paperblog: “… ein gutes, in den Szenen des täglichen Lebens hervorragend beobachtetes Bild eines absterbenden Landes”
Liisas Litblog: “… der bisher herausragendste und würdigste Preisträger des Deutschen Buchpreises”
Hans-Jörg Schmidt: “… eine wirklich gelungene Rückschau der letzten Jahre aus einem versunkenen Land, die vielleicht hier und da etwas straffer hätte ausfallen können”
Shitesite: “Mit Der Turm ist ihm das gelungen, was seinen Figuren vergeblich vorschwebte: eine Zuflucht in der Literatur, ein zeitloses Monument.”
Lesen. Lesen.: Ein gewichtiges Stück Literatur!

Wer das Buch dennoch lesen will (Partnerlinks):

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One Response to Medienökonomische Schnipsel II: “Der Turm” und die real-sozialistische Bücherheuschrecke

  1. e.m. says:

    ich hab das buch zwar nicht gelesen, aber es liegt ja auf der Hand, dass zum 20 jährigen Jubiläum des “Beitritts der DDR zum Bundesgebiet” etwas in der Art kommen mußte. Jedes JAhr zum Tag der Einheit nur die Ohren hängen lassen will man/frau ja auch nicht, also wenigstens den Sieg über die ollen Kommunisten feiern, dazu braucht es noch viel mehr solche Bücher, damit auch dem/der letzten klar wird, wie abgrundschlecht die ddr war und wie blütenweiß die brd damals strahlte und bis heute weiterstrahlt! Interessant wäre die Analyse, welche Themen gerade nicht ins öffentliche Bewußtsein kommen.

    Das ist vor allem die Frage, wer eigentlich die Teilung begann, da die BRD mit der Währungsreform den ersten Schritt tat, warum so viele NS Verbrecher ein so unbehelligtes Leben in der BRD führten, und wie die DDR ohne NS Elite auskam, was ja angeblich im Westen nicht ging. Wie wäre es mit einem Roman über eine der vielen jungen Lehrerinnen, die in den 50ern einen alten NS Lehrer abgelöst hat, anfangs an den Sozialismus glaubt, und in den 70ern ihre Hoffnung so langsam verloren, um dann vom gelobten Westen noch schneller enttäuscht zu sein.

    Aber nein, es gibt den Turm, der das schwierige Kunststück vollbringt, uns das Ende des Sozialismus als Gewinn zu verkaufen, und immerhin geht das anscheinend nur, wenn als Protagonisten bürgerliche stets priviligierte (auch in der DDR!) Schichten auftreten. Jedes andere Milieu ließe sich kaum so positiv ins Bild setzen. Und darum geht es anscheinend, um einen verkitschten Blick auf die Vergangenheit, damit wenigstens implizit gedacht wird, was zu sagen zu plump wäre: die brd ist ein rechtsstaat.

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