“Facebook ist noch nicht spannend genug.” – Frank Westphal über Blog- und Twitter-Links

Ökonomie von Blogs (4b): Während die Blogcharts ausschließlich Backlinks von Blogs betrachten, kommen bei Rivva noch Empfehlungen von Twitter und Nachrichten-Seiten hinzu. Auf Grundlage des Rivva-Algorithmus entsteht so eine permanent aktualisierte „Zeitung der Blogosphäre“. Im zweiten Teil des Interviews  macht sich Frank Westphal, wie zuvor Jens Schröder, Gedanken über den spezifischen Wert von Links sowie über Faktoren und Strategien für deren Aggregation.

Rivva betrachtet Tweets und Empfehlungen von Blogs. Wie unterscheiden sich Twitter- und Bloglinks?

Was die Schnelligkeit angeht, sind Twitter-Links deutlich überlegen. Twitter geht aber gleichzeitig sehr in die Breite, es wird viel Boulevard-Zeug angespült. Man merkt, dass der Twitterer ein bisschen mainstreamiger ist als der Blogger vorher. Twitter hat eine andere Gruppe von Leuten angesprochen, sich in die partizipativen Medien einzumischen.

Was ist mit Facebook-Links?

Facebook ist bis jetzt noch nicht spannend genug. Es ist zu mainstreamig, es kommt zu viel Senf nach oben, also Dinge, die meiner Meinung nach nicht zu Rivva passen. Ich sehe im Moment nicht, was das an Mehrwert gegenüber Twitter hätte.

Worin siehst du den Wert von Links?

Es geht um die bloße Aufmerksamkeit, würde ich sagen. Natürlich liegt es dann aber am entsprechenden Anbieter, mit der Aufmerksamkeit etwas zu machen. Es ist halt die Frage, wie kann man das ummünzen.

Und wie münzt man es um?

Bei vielen Techblogs und Medienblogs, bei Thomas Knüwer und anderen, ist es vielleicht so, dass die Blogger als Berater arbeiten und darüber ihr Geld verdienen. Das Blog dient quasi als Werbung für sich selbst. Ähnlich ist es auch bei anderen Selbständigen, bei Lawbloggern etc.. Die haben durchs Bloggen einen großen Vorteil: wenn jemand von den Lesern Bedarf nach Beratung hat, ist die Chance relativ groß, dass der sich an jemanden wendet, den er schon lange liest. Anders ist es bei einem Schulblogger, der 18 Jahre alt ist und sein Tagebuchblog mit Fundstücken aus dem Netz führt. Der kann das nicht so einfach ummünzen.

“Auch die Tugend der ,Via’-Links ist zurückgegangen— dass man seine Quellen wirklich nennt, wenn man etwas von einem anderen Blog übernimmt.”

Seit einiger Zeit gehen die Verlinkungen innerhalb der Blogosphäre zurück. Jens Schröder erklärt sich das Phänomen größtenteils mit Twitter. Wie siehst du das?

Ähnlich. Die Leute streuen ihre Aufmerksamkeit immer breiter, gemäß dem „Law of Raspberry Jam“: „The wider any culture is spread, the thinner it gets.“ Mittlerweile buhlen diverse web2.o-ige Dienste um deine Aufmerksamkeit … Xing, Facebook, Twitter und so weiter, da hat man weniger Zeit für das eigene Blog. Viele Dinge, die vorher in einem Blogpost gelandet sind, landen heute bei Twitter. Das hat teilweise dazu geführt, dass die Qualität auf Blogs wieder zugenommen hat, weil das witzige Youtube-Video eben bei Twitter landet und nicht im Blog. Ein weiterer Grund ist, dass die schöne Vernetzungs-Kultur insgesamt ein bisschen verloren gegangen ist.

Vernetzungskultur?

Vor ein paar Jahren war es Tugend, eine Blog-Suchmaschine anzuschmeißen, bevor man einen Blogpost geschrieben hat. Man hat geschaut, wer schon darüber geschrieben hat, und man hat sich mit dem vernetzt. Das passiert heute weniger, was vielleicht auch am Zustand der Blog-Suchmaschinen liegt. Technorati ist quasi tot, Icerocket funktioniert, aber der Index ist relativ langsam. Auch die Tugend der „Via“-Links ist zurückgegangen— dass man seine Quellen wirklich nennt, wenn man etwas von einem anderen Blog übernimmt.

Wenn du dir die verschiedenen Artikel anschaust, die aufgrund der  angesammelten Blog- und Twitter-Links auf den vorderen Plätzen landen, was macht deiner Meinung nach Beiträge erfolgreicher als andere?

Die Artikel, die es auf die Rivva-Startseite schaffen, behandeln zum einen oft gut geschriebene und anspruchsvolle Themen. Zum anderen sind es Stories, die eine große Aufregung erzeugen. Klar, ein Abmahnthema ist immer groß. Teilweise haben die Artikel auch Reißer-Titelzeilen, die den gleichen Reflexen erliegen wie bei einem Boulevard-Medium, bei dem die Überschrift nicht vom Text eingelöst wird.

Kannst du aktive Strategien beobachten, die Blogger betreiben, um Links zu bekommen?

Eine Zeitlang waren Listen-Postings extrem populär, „47 Tricks für dies und das“ oder „30 CSS-Links dazu“. Die kommen nach wie vor gut an. Link-Baits sind ganz klar auch polarisierende Geschichten wie das Dossier über Blogger, das die FAZ zu Beginn der Re:publica gemacht hat. Wenn man Leute gegen sich aufbringt, kriegt man dementsprechend viele Links, aber das ist natürlich auch mit einer ganzen Menge an negativem Karma verbunden.

Sanktionierst du auch Links, etwa solche, die durch Vernetzungsaktionen oder Verlosungen zustandekommen?

Du meinst Stöckchen-Aktionen, bei denen im Kreis verlinkt wird, oder Aktionen wie Ein-Herz-für-Blogs? Es kommt immer darauf an.  Die blödesten Aktionen versuche ich herauszufiltern.

Und wie filterst du sie raus?

Algorithmisch, so gut wie es geht. Stöckchen-Spiele zum Beispiel bilden in den meisten Fällen Link-Ringe, zirkuläre Graphen, bei denen A auf B verlinkt, B auf C und C wieder auf A. Das sind dann eindeutig Blogeinträge, die nachträglich erweitert werden, um zu zeigen, dass jemand an der Aktion teilgenommen hat. Solche Aktionen haben für die Allgemeinheit keine große Relevanz. Das gilt auch für Gewinnaktionen, die stark bei Twitter zu beobachten sind, Blogparaden sind das gleiche Beispiel.(*) Blogparaden, Stöckchenspiel, das wird alles rausgeworfen, weil ich denke, dass es der Seite nicht zugute kommt.

“Eine Zeitlang waren Listen-Postings extrem populär, „47 Tricks für dies und das“ oder „30 CSS-Links“. Die kommen nach wie vor gut an. Link-Baits sind ganz klar auch polarisierende Geschichten.” (ins Original-Interview reinhören) [powerpress url="http://stefan-mey.com/wp-content/uploads/Zitat-Rivva_Blog-und-Twitter-Links.mp3"]

Der naheliegendste Faktor für Links ist die Qualität der Texte. Wie würdest du Qualität bei Blogs definieren?

Es gibt nicht DIE Qualität. Die beste Definition stammt von Gerald Weinberg: “Quality is value to some person”. Was für den einen Trash ist, ist für den anderen das Beste der Welt. Die Hauptschwäche von Rivva ist gerade, dass da der größte gemeinsame Nenner definiert wird.

Welchen Einfluss hat die Frage, wie viele Beiträge ein Blog veröffentlicht?

Schwierige Frage. Bei Rivva gibt es eine ganze Menge Blogs, die weit oben stehen und trotzdem relativ selten publizieren. Was ich auf der anderen Seite sehe, ist, dass sich viele Blogger am Täglich-was-raushauen-müssen verbrannt haben. Das ist etwas, was man alleine nicht aufrecht erhalten kann. Insgesamt glaube ich, dass es eher ein wichtiges Kriterium ist, von wie vielen Leuten das Blog geführt wird, sprich wie viel Manpower da hineingeht.

Du sprichst Mehr-Autoren-Blogs an …

Ja, bei vielen der Blogs, die eine Schar von Autoren für sich gewonnen haben, sieht man, dass Kooperation ganz klar ein Erfolgsfaktor ist. Neben der reinen Quantität an Artikeln bereichert es ein Blog auch, wenn nicht das gleiche noch und nöcher aufgetischt wird, sondern unterschiedliche Autoren unterschiedliche Facetten und Meinungen in die Diskussion einbringen. Das macht ein Blog interessanter und steigert damit auch die Chance, dass es von anderen Bloggern für gut befunden und verlinkt wird. (Interview: Stefan Mey)

* Die Linkbaits Stöckenspiel und Blogparade werden als „Wege zu mehr Backlinks“ bei Konstantin Eggert gut erklärt.

Teil 1 des Interviews: Frank Westphal über Rivva

Weitere Interviews zur Ökonomie von Blogs:
Ich will mich nicht zu sehr einmischen” Jens Schröder über Bloglinks
Eben nicht die kleinen Tagebuchblogs” – Jens Schröder über die Deutschen Blogcharts
“Du kannst jedes Blog monetarisieren.” – Sascha Pallenberg
“Netzpolitik.org ist ein Open-Source-Geschäftsmodell.” – Markus Beckedahl

Link-Jäger und SEO-Schelme: Mein Startup-Kollege Felix über Sinn und Unsinn von Suchmaschinen-Optimierung

This entry was posted in (1) Interviews, (2) Ökonomie von Blogs and tagged , , , . Bookmark the permalink.

2 Responses to “Facebook ist noch nicht spannend genug.” – Frank Westphal über Blog- und Twitter-Links

  1. Werner says:

    Ein wirklich gelungenes Interview, dass anlässlich der Einstellung von Rivva an Aktualität gewonnen hat. Ich habe mich in meinem diesbezüglichen Beitragauch auf dieses Interview bezogen. Somit habe ich der Einstellung von Rivva die Entdeckung deines Blogs zu verdanken ;) lg Werner

    • Stefan Mey says:

      Danke. Ich bin auch verwundert und verzweifelt über die Einstellung von Rivva. Frank Westphal (hier seine private Website ) war einer der hellsten und einfallsreichsten Menschen, die ich in der deutschen Blogger- und Web2.0-Szene bis jetzt kennengelernt habe.

      Aber leider ist das Fähigkeit, zu wissen, wie man seine Arbeit zu Geld machen oder zumindest davon leben kann, sehr ungleich verteilt. Und gerade die interessantesten Menschen haben von diesem Monetarisierungs-Talent oft nicht viel abgekommen.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>