Eine Art deutsches Flattr-Ranking oder: die ersten Schritte eines Giganten?

Eine Art deutsches Flattr-Ranking

(Rang/ Seite/ Blog-Post/ Flattr-Wert/ globaler Rang)

1.   Netzwertig: Ein erster Blick auf Flattr (43 Flattr/ 2)
2
.   Uarrr: Von Flattr, Facebook und fantastischen Visionen. (41 Flattr/ 3)
3.   Gefühlskonserve : Warum Flattr toll werden könnte (13 Flattr/ 21)
4.   CartaDie deutschen Kachingle-Charts (9 Flattr/ 28)
5.   Flickr: Berlin – April 2010 (8 Flattr/ 36)
6.   Carta: Facebook – Ein Sonderfall …? (7 Flattr/ 45)
7.   Bausteln : bausteln.de (Startseite) (7 Flattr/ 44)
8.   The-gay-bar: Flattr, after some real poking around (6 Flattr/ 56)*
9.  Elektrospanier: Flattr. (6 Flattr/ 55)
10. Wirres: wirres.net (Startseite) (6 Flattr/ 54)
11. Iphoneblog: Fünf iPad-Tage (6 Flattr/ 53)
12. Carta: BGH-Entscheidung (5 Flattr/ 72)
13. Opalkatze: Liebe Online-Presse. (5 Flattr/ 71)**
14. Maingold: Das ist Flattr (5 Flattr/ 69)**
15. Dondahlmann: Weltenkampf (5 Flattr/ 67)**
16. Gefühlskonserve: Kostenlose Hörbücher (5 Flattr/ 68)**
17. Andreasvongunten: Flattr testen (5 Flattr/ 64)**
18. Mp3tag: Mp3tag (Startseite) (5 Flattr/ 65)**
19. Uarrr: Monotonalsperre! (5 Flattr/ 66)**
20. Iphoneblog: Goodbye Deutschland! (5 Flattr/ 63)

Stand: 02.05.2010, 14h10, *, ** zur Methode: s. Kommentare #1 und #2
Quelle: Flattr.com, Category: all, Filter; 365 days

Zum Flattr-Ranking Vol. 2

Die ersten Tage

Die Donation-Seite Flattr will ebenso wie Kachingle das Spenden von Kleinstbeträgen im Netz ermöglichen und somit eine ökonomische Revolution anstoßen. (Das Flattr-Prinzip wird hier gut erklärt, ein „Systemvergleich“ findet sich hier.)

Grundsätzlich basieren sie auf einem ähnlichen Prinzip. Jeder Nutzer hat einen monatlichen Spenden-„Kuchen“, der in Abhängigkeit vom Nutzungsverhalten, auf die für förderungswürdig befundenen Seiten aufgeteilt wird.

Während man jedoch bei Kachingle kompletten Seiten Geld spendet und die tatsächliche Relevanz durch Tracking, also technisch, ermittelt wird, läuft der konkrete Abstimmungsprozess bei Flattr manuell ab, und das für jedes einzelne Web-Objekt:  Flattr-Buttons finden sich etwa auf Einzelseiten, auf Startseiten, auf Flickr-Profilen und  auf eher technischen Seiten wie der Autorenübersicht oder der Kaffeekasse von Carta. Und es lassen sich sogar Kommentare “beflattern”, da man auch ihnen eine URL zuordnen kann.

Vorletzten Freitag ist die restriktive Beta-Phase gelockert worden, für einige Stunden ließen sich auf der Startseite Einladungscodes generieren, seitdem sind einige deutsche Flattr-Seiten hinzugekommen. Dabei sind die Beta-Zugänge immer noch knapp und heiß begehrt: Die nachträglich dem Blog Netzwertig zur Verfügung gestellten neun Invites waren in kurzer Zeit vergeben, im Moment kann man sich nur auf eine Warteliste für neue Einladungen setzen lassen.

Frühe Merkmale

Dieses  Ranking betrachtet Flattr also in einer recht frühen Phase. Es zeigen sich einige interessante Muster, die teilweise denen bei Kachingle ähneln:

A) „Deutsche Blogs und Websites sind überproportional vertreten.“
-> Von den internationalen Top100 auf Flattr.com sind 43 Seiten deutschsprachig bzw. werden von den D-A-CH-Staaten aus betrieben. Der Anteil ist somit sogar höher als bei Kachingle. Anscheinend ist Deutschland auch für Flattr früher Schwerpunktmarkt bzw. fungiert als Experimentierfeld für die internationale Expansion.

B) „Das System ist noch sehr selbstreferenziell.“
-> Auch das trifft auf Flattr zu. Die Selbstreferenzialität sieht hier aber anders aus: Zum einen thematisiert etwa ein Drittel der Seiten explizit Flattr, das gilt sowohl für das deutsche als auch für das internationale Ranking. Zum anderen macht allein der Flattr-Firmen-Blog etwa ein Fünftel der Seiten in den internationalen Top100 aus. Doch das sind wohl eher Phänomene der ersten Stunde.

„Gerade die großen Blogs halten sich zurück.“
C) Die deutschen Alist-Blogs beteiligen sich rege.

-> Anders als bei Kachingle finden sich bei Flattr von Anfang auch einige der großen Blogs aus den Deutschen Blogcharts: Netzwertig, Carta, die Gefühlskonserve und Wirres sind vertreten. Die zukünftigen Flattr-Rankings werden die Verlinkungsstrukturen der Blogosphäre sicher nicht eins-zu-eins abbilden, doch ist es wahrscheinlich, dass die „neuen“ tendenziell die „alten“ Stars sein werden.

Ungleichheit als Systemeigenschaft?

Vermutlich wird sich bei Flattr sehr schnell eine ungleiche Verteilung ergeben, wie sie allgemein typisch für soziale Systeme ist, die eine freie Auswahl bei vielen Wahloptionen ermöglichen. Clay Shirky hat dieses Prinzip der sich selbst verstärkenden Prominenz sehr gut in einem Text über die  Merkmale von Blogosphären beschrieben. Aufgrund des frühen Zeitpunkts ist die Differenzierung hier noch nicht sehr ausgeprägt, doch deutet sich erstaunlicherweise schon in der kleinen Gruppe der deutschen Top20-Beiträge eine solche Power-Law- bzw. Zipf-Verteilung an:

Ausblick

Flattr hatte einen sehr guten Start in Deutschland, dafür sind vor allem zwei Dinge ursächlich: eine geschickte Anwendung des Knappheit-Prinzips und vor allem viel Vorschuss-Aufmerksamkeit, da Flattr mit dem Ex-Pirate-Bay-Inhaber Peter Sunde eine Netz-Prominenz als Gründer zu bieten hat.

Zudem überwiegen in der Blogosphäre die Stimmen, die im Vergleich mit Kachingle die Funktionsweise von Flattr für überlegen erklären. Diese Einschätzung greift meiner Meinung nach zu kurz.  Stattdessen ermöglichen die beiden Dienste, bei aller Ähnlichkeit, zwei Nutzungsarten mit verschiedenen spezifischen Vor- und Nachteilen. Als Korrektiv zum allgegenwärtigen Kachingle-Bashing will ich zum Schluss Kritikpunkte am Flattr-System herausarbeiten:

1. Aktivitätszwang: Die Vorstellung, für jedes Objekt im Netz seine Wertschätzung manifestieren zu können, sobald es eine URL hat, ist verlockend, doch neigen Internet-Nutzer wie alle Menschen zu Trägheit. Flattr erfordert permanent Entscheidungen und zusätzliche Aktivität. Dieser permanente Zwang, sich zu entscheiden und die Internet-Tour zu unterbrechen, weil man den Flattr-Button suchen und betätigen muss, kann auf Dauer störend wirken.

2. Verstärkung von Prominenz: Die Sichtbarkeit der großen Blogs wird wohl noch dominanter werden, da jeder dieser Seiten nicht mehr nur einmal im Ranking vertreten ist, sondern theoretisch mit einer nach oben offenen Menge an Objekten (oder „Things“). Das zeigt sich schon bei den Top20 deutlich.

3. Kommerzialisierung: Flattr birgt die Gefahr einer Kommerzialisierung in bisher unbekanntem Ausmaß, und das auch im publizistischen Long Tail und bei bis dato eher unverdächtigen Alltags-Handlungen wie dem bloßen Kommentieren. Wenn jedes Objekt, das eine URL besitzt, be- und geflattert werden kann, bedeutet das, dass jeder kleine Blog-Post, jede Unterseite, jeder Kommentar monetarisierbar wird und damit Warencharakter bekommt. Und wie „verkauft“ man diese Ware erfolgreich an seine „Geldgeber“? Möglicherweise indem man weniger schreibt, was man denkt, sondern, was gefällt – in der Hoffnung, dass einem möglichst viele einen Teil ihres monatlichen Spendenkuchen zukommen lassen.

Doch warten wir’s ab.

Thematisch ähnliche Artikel:  Die deutschen Kachingle-Charts oder: Quo vadis, Kachingle?

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11 Responses to Eine Art deutsches Flattr-Ranking oder: die ersten Schritte eines Giganten?

  1. Stefan Mey says:

    * Bei gleichen Flattr-Zahlen habe ich als weiteren Performance-Wert das Datum herangezogen. Im Gegensatz zu den Machern von Flattr ranke ich dabei jüngere Beiträge höher, da sie weniger Zeit für den selben Wert als ältere Beiträge hatten.

  2. Stefan Mey says:

    ** Bei den Rängen 13-14, 15-16 sowie 17-19 war aufgrund des gleichen Datums eigentlich keine Hierarchisierung möglich, aus Gründen der Übersichtlichkeit hab ich die Seiten aber ins ansonstige Raster einngefügt.

  3. Pingback: Medial Digital» Linktipps Neu » Linktipps zum Wochenstart: Brain Drain in Verlagen

  4. Hallo Stefan,

    eine Sache habe ich in dem Systemvergleich mittlerweile aktualisiert: Bei Kachingle können auch mehrere Medaillons für einzelne Autoren oder Rubriken innerhalb einer Seite eingesetzt werden. Dennoch bleibt der Unterschied der Einzel-Bewertung via Flattr und der quasi-institutionellen Unterstützung via Kachingle.

    Deine Einschätzung betreffend des Aufwandes teile ich. Bei Flattr muss der Nutzer jedes Mal bewußt den Button drücken und bei Kachingle lediglich einmal (stimmt dann aber zu, dass seine Besuche geloggt werden – es sei denn diese Funktion wird manuell abgestellt).

    Grüße, Jörg

    • Stefan Mey says:

      Interessant. Das Argument, dass Kachingle für Mehr-Autoren-Blogs nicht geeignet ist, ist somit hinfällig.

      Ich bin mir bis jetzt nicht sicher, welches System besser ist. Wenn Flattr richtig groß würde, hätten wir einen Internet-Giganten aus Schweden, das wäre eine willkommene Abwechslung. bei all den USA-stämmigen Web-Firmen. Und die Figur Peter Sunde ist sehr sympathisch.

      Allerdings stelle ich mir dieses kleinteilige “Flattr everything” auf Dauer wirklich sehr stressig vor.

  5. Pingback: Linkwertig: Tim O’Reilly, Rivva, Codec-Wars, Flattr » netzwertig.com

  6. Pingback: Lesenswerte Artikel 3. Mai 2010

  7. Danke für die gute Zusammenfassung/Analyse. Bin ja gespannt, wie sich die Plattform entwickelt.

    Dass wir auch flattr-Buttons auf den Seiten (Kaffeekasse usw.) haben, ist nicht ideal, lässt sich aber bei dem praktischen Plugin noch nicht einstellen. Zukünftig sollten nur die Artikel einen Button haben (und im Idealfall dann natürlich den des Artikel-Schreibers).

  8. Pingback: Flattr und Kachingle – eine kritische Bestandsaufnahme des Marktes

  9. Pingback: Saschas World » Social Payment – Flattr JA aber was soll Kachingle?

  10. Thilo says:

    Vielen Dank für die offensichtlich mit viel Mühe recherchierten Zahlen. Ich habe gut zwei Wochen später auch noch mal durchgezählt (mit allerdings weniger Aufwand und einfacheren Mitteln), und bin zu ähnlichen Ergebnissen gekommen: http://kulturflattrate.squarespace.com/journal/2010/6/18/flattr-fest-in-deutscher-hand.html

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